Ein subjektiver Text über Sex-Culture


Um meine Freundin Anna zu zitieren ,,It’s tough to be a woman!’’, und damit steig ich direkt ein in dieses schmerzvolle Thema, das viele vielleicht auch gar nicht aus dieser Sicht aufgefasst, aber wahrscheinlich schon zu spüren bekommen haben.

Ich bin einundzwanzig Jahre alt und habe die letzten zwei Jahre meine fem-empowerment ausgelebt, im Sinne von ich habe versucht meine Sexualität zu finden, indem ich mich head over heels ins Nachtleben gestürzt habe mit allem was dazu kommt: tanzen, sich heiß anziehen, mit Typen sprechen, danach drüber schreiben, eben allem was man macht, ab dem Moment, in dem es dunkel wird und man nicht nur feiern geht, sondern sich zum Ziel setzt jemanden kennenzulernen (ob für ein ONS oder Dates oder potenzieller zukünftiger Freund). Angefangen hat es nachdem ich mit meinem ersten Freund Schluss gemacht habe und in Stuttgart meinen ersten ONS hatte, vor dem ich um ehrlich zu sein Angst hatte, weil ich zu dem Zeitpunkt noch recht unerfahren gewesen bin im Umgang mit fremden Männern, vor allem fragen wie: was sage ich? Was mache ich? Mag er mich? Findet er mich überhaupt hübsch etc. etc.
Worauf dieser Text hinaus will, ist in erster Linie meine eigene Verarbeitung dieses Themas, da es mir sehr am Herzen liegt und andererseits da ich eine tiefergehende Sicht präsentieren will, Worte, die man normalerweise nur unter Frauen versteht, die verständlich sind zwischen uns, aber nicht ausgeredet werden- vor allem wenn es um Traumata geht ist psychologische Verabeitung individuell zu leisten, aber ich stehe nicht dahinter, weil wir alle Menschen sind und gleich fühlen.

Diesen Januar kam also meine hoeing-odyssee mehr oder weniger zu einem Ende nachdem ich einerseits realisiert habe, dass ich Depressionen habe und dem ganzen drumrum nicht standhalten kann. Drumrum im Sinne der Aufrechterhaltung des Bildes des eigenen Ichs um Männer anzuziehen, beziehungsweise sich interessant zu machen, eben das, was ungeschrieben vorausgesetzt wird in unserer Gesellschaft, da man nicht bloß existieren kann mittlerweile.
Um da noch näher drauf einzugehen und es verständlicher zu machen: das basiert auf meiner Beobachtung und Erfahrung, aus einer Hippie-Community kommend, dass wir versuchen uns zu profilieren, was mittlerweile eigentlich auch schon kein Geheimnis ist. Vielmehr ist es schon ein neoliberalistischer Vertrag den man eingeht, sobald man aus dem Hause rausgeht: wie fühle ich mich und wie möchte ich, dass andere mich sehen? Es liegt in den Worten, die wir aussprechen, der Art und Weise wie wir uns anziehen, in welchen Konversationen wir partizipieren und mit welchen Menschen wir uns umgeben, wodurch wir eben eine soziale Rolle annehmen. Und um noch Instagram expliziter mit reinzunehmen: welche soziale Rolle wir präsentieren und inwiefern die Menschen, mit denen wir schlafen, weitergehend, dieser Rolle, diesem Konzept, zustimmen und dazu passen.
Das mag grad sehr weit hergeholt klingen, aber es ist einfach das basic concept des Ichs: wer bin ich? Wie sehen mich andere? Kann ich das kontrollieren?
Lange habe ich es kontrolliert, seitdem ich in die Pubertät gekommen bin um genauer zu sein, vor allem weil man in der Pubertät der brennenden Sehnsucht nachgeht dazugehören zu wollen. Also wohin wollte ich dazugehören? Bis zwanzig? Vor allem habe ich nicht gesehen, dass es nicht nur immer noch adoleszente Verhaltensmuster sind, sondern auch noch gesellschaftliche Rahmen, in die wir gesetzt werden und Zugehörigkeit durch identity politics und labeling (I am vegan) vorausgesetzt wird. Wird man älter, nehme ich mal an, wächst man bestenfalls daraus. Schlimmstenfalls endet man auf einer bürgerlichen Gartenparty mit Speisehäppchen oder auf einer identitätspolitischen Demonstration mit Birkenstockschuhen und Kind auf den Schultern.

Was ich damit sagen will ist, dass ich im September diesem ganzen Druck nicht mehr standhalten konnte innerlich, es aber zu spät und eigentlich auch jetzt erst retrospektiv merke. Hätte ich gespürt wie ich mich fühlte- vor allem schwach, ausgelaugt und burned out vom Leben und Erwachsenseinwollen, wäre ich zuhause geblieben, hätte ich weniger getrunken, hätte mich aus Situationen rausgezogen, die mich im Nachhinein traumatisierten. Aber mit zwanzig, und das lernt man vor allem in einer Großstadt wie Wien, gibt es keine Eltern mehr, die zuhause warten. Vor denen man die moralischen Verwerflichkeiten verstecken kann oder darauf hoffen kann, dass sie einen darausziehen. In Wien kommt man als zwanzig-jährige emanzipierte Frau nachts entweder nach Hause und schläft den Suff aus, hat jemandem im eigenen Bett am nächsten morgen, über den man eine weitere Bettgeschichte schreiben kann oder man wacht neben einem älteren Mann auf, Kopf schwer, Körper paralysiert, nach einer einstündigen Fahrt in die nächste Stadt um sechs Uhr morgens, da das innere ich sich dazu beschlossen hat nicht alleine nach Hause gehen zu wollen. Unterbewusst geleitet von dem Verlangen gehalten und behütet zu sein, bewusst geleitet unter der feministischen Prämisse herauszufinden, ob dieser Mann einen als Frau respektiert, wenn ich man ihm schläft, da die meisten Männer einen aussortieren und sich nicht bei einem melden, wenn man die Beine direkt breit macht.
Krank? Ja. Schlau? Zu bezweifeln. Aber wie besser politische Standpunkte als Frau überprüfen als einfach die Lust am Sex zu opfern um zu schauen, ob der Mann, der sich sogar selbst als Feminist bezeichnet, einen potenziell abwerten wird, durch das was man tut?
Weil wir immer abgewertet werden. Immer verurteilt.
Ob wir feiern gehen und dann ruhig nach Hause kommen, entweder prüde, oder ein vernünftiges Mädchen. Ob wir feiern und unsere Beine öffnen, entweder Bad Bitch oder Hoe, beides nur Worte. Beides von der Gesellschaft negativ konnotiert.
Alles von Medien irgendwie präsentiert, von Cardi B besungen (,,WAP’’), von Instagram-Influencer bejubelt (Suzie Grime) oder vom zukünftigen Freund hinterfragt (Bodycount).
Was wir bei der ganzen Sache vergessen ist, dass wir nicht nur Objekte sind, präsentiert, irgendwie geleitet, so als ob man als Frau eine Anleitung kriegt, wie man sich zu emanzipieren hat, weil man es selbst sonst nicht weiß, weil einem kein Platz gegeben wird als Frau zu sein.  Was wir auch dabei vergessen ist der Rahmen in dem das alles gesetzt wird und meistens ist der Rahmen unsere Sprache, unsere Stimme und unsere Konversationen über das leidige Thema Frauen und Sex.
Vor allem vergessen wir aber Emotionen in der ganzen Sache und dass wir als Frauen weder Göttinnen sind, noch Bad Bitches, noch Mauerblümchen, noch sonst irgendein Konzept. Wir werden überhöht und überhöhen uns gleichzeitig, weil wir jahrelang unterdrückt wurden, aber die Überhöhung ist gleich grausam wie die Unterdrückung sie ist. Wenn nicht standgehalten, oder eben wenn standgehalten und primitiv gefickt, die Seele leidet.
Die Seele? Und mein bester Freund Herr Schulz, wird das Konzept der Seele vielleicht kritisieren, sie leidet.

Ich will darauf hinaus, dass Sex-Culture, vor allem im Nachtleben, als Tor in die weibliche Emanzipation, so wie ich es aufgefasst habe, gefährlich ist, weil ich in dem ganzen Konzept des Stärkerwerdens nicht gefühlt habe. Ganz einfach gesagt: In meinem Kopf klang es wie eine super Idee einerseits couchzusurfen in Stockholm letztes Jahr Juni, aber eigentlich war ich danach drei Tage stumm, weil ich zugesagt habe in dem verdammt gemütlichen King-Size Bett dieses Mannes zu schlafen. Weil ich müde war. Weil ich alkoholisiert gewesen bin. Alles woran ich aber dachte war wie stark die Geschichte doch letztlich ist. Ein neunzehnjähriges Mädchen in Stockholm, das couchsurfend geht. Wie empowered! Wie stark! Wie selbstbewusst!
Und es hätte alles stark, empowered und selbstbewusst sein können, aber vor allem war es degradierend weil man, um starken, empowerenden und selbstbewussten Sex zu haben fühlen und reden muss. Da ich den Mann aber nicht kannte und ich vor allem weder den Kopf auf den Schultern noch Worte in meinem Mund hatte, habe ich mit ihm geschlafen, weil ich in seinen Augen gesehen habe, wie er mich verehrt hat und ich ihm einen Gefallen tat (Überhöhung des Ichs, selbstverschuldet, weil ich gespielt habe und Überhöhung des Ichs, nicht selbstverschuldet, weil er in mir wahrscheinlich seinen desperate need for Sex projiziert und auch erfüllt hat).

Mir fehlt in dieser ganzen Nachtleben-lage, in allen Mädchen, die ich auf Instagram oder auf der Straße sehe, die heranwachsen, das Verständnis und die Vernunft. Es mag sein, dass es alles an der Erziehung meiner Eltern gelegen hat, die mich in meiner Pubertät nicht haben rausgehen lassen und dann mit achtzehn schlagartig freiließen, aber es liegt auch größtenteils an der Gesellschaft und an der Kultur, die einem diesen Raum bietet, ohne über die psychologischen Konsequenzen nachzudenken. Weil es uns allen nicht mitgegeben wird. Weil wir voraussetzen jeder trägt Verantwortung für sich selbst, diese aber so einfach ausgenutzt werden kann. Ja, ich war neunzehn und dumm, er hat aber gesehen (!) Ich war betrunken. Er hat gewusst wie verloren ich war, weil ich sprichwörtlich mein Zelt verloren habe in dem ich die Nacht an der Künste zelten wollte und er hat vor allem meinen Körper nachts in seinen Händen gehalten. Einen schwachen Körper. Einen der teilnahmslos auf ihm draufsaß nachts und einen der unter ihm lag, Mund weggedreht, Augen zu, weg.

Und ein andermal genauso, weil die Stimme fehlt, nachts im Bett. Weil es einfacher ist Beine entweder zu öffnen, in consent, oder zu schließen, in Ablehnung. Mit dem Körper zu kommunizieren ist einfacher, weil es auch einfacher ist gefragt zu werden: ,,Willst du es?’’ Als zu sagen:
,,Ich will es nicht. Ich will dass du mich respektierst als Frau. Ich will dir nicht misstrauen, aber ich habe keine einzige (!) Erfahrung mit einem Mann gehabt, der mich respektierte, einfach nur weil ich existiere.’’
Um dann zu hören, wenn ich mich wegdrehe: ,,Ich glaube wir haben beide unterschiedliche Vorstellungen vom Sex.’’ Und ich mich frage: Was für einen Sex willst du, Mann, in dem ich grob von dir unter dich gezerrt, auf dich gesetzt, runtergedrückt und unter dir weggedreht, abgelehnt werde?
Welchen?
Um dann das nächste mal mit einem älteren Mann morgens um sechs im Bett zu landen, der einen mit Augen anschaut, als hätte er noch nie eine Frau gesehen, eine schöne Frau und anstatt mit ihr zu reden und sie zu fragen: ,,Warum bist du betrunken in mein Haus gekommen, du handelst irrational.“ Sie neben sich zu legen.
Selbstverschuldet, ich. Weil ich meine Beine spreizte statt auf ein Date zu gehen und zu reden. Lieber spielte mit ihm und mich überhöhte, weil das der Respekt nach der gesellschaftlichen Definition. Weil ich handeln muss, um gesehen, anerkannt und respektiert zu werden. Weil ich nicht einfach existieren kann. Einfacher in Betten landen kann, alkoholisiert, und mein Körper sich immer noch zusammenzieht bei der Erinnerung an den Geruch dieses morgens, bei der Erinnerung seiner Hände und meines Körpers unter ihm.
Worte, die ich schrieb, vor ihm.
Ein Gedicht, alkoholisiert. Weil schreiben, für mich, leichter ist, als zu reden, mit ihm.

,,My world is spinning right now because of alcohol (I guess it’s a villain)
And I am exhausted of breaks of ‚‘’take control.’’ But that’s what I live in, I guess it is what I am doing?’’
25. September 2019.

Das war einmal Sex zu viel.



Als ich meiner Mama erzählte, letztes Jahr an Weihnachten, dass ich mit vielen Männern geschlafen habe, war die einzige Frage, die meine Mama mir stellte: ,,Warum?’’

Wie hätte ich ihr erklären sollen, dass ich irgendwann Mutter sein will und meine Tochter (oder meinen Sohn) nicht einsperren, sondern mit Vernunft im Kopf gehen lassen will, ohne schlaflose Nächte zu haben? Weil der Schlaf einer Mutter leicht sein kann.Sie aufwacht, wenn ihr Sohn nach hause kommt, der Vater lieber seinen Schlaf opfert um die Tochter nachts abzuholen, als die neun Stunden zu kriegen, die er braucht um gesund zu sein.
Wie hätte ich meiner Mama erklären können, dass die Umstände dieser Jugend bestialisch sind, in denen jeder nicht mehr fühlt, sondern ignorant durch die Welt läuft und ausnutzt, was einem in den Schoß fällt. Sprichwörtlich.
Wie hätte ich meiner Mama erklären können, was sie mir nicht erklären konnte, unter Umständen in denen sie nicht aufgewachsen ist, in einem Land, in das sie flüchtete vor ihrer Mutter, ein Land das von außen hell erleuchtet Fassaden wahrt und stark ist, innen aber von leblosen Menschen durchsetzt ist, die nur nachts fühlen? Wie?

Ich habe geweint, als ich aus dem Kindergarten kam. Ich hätte spielen sollen.


Das schlimme bei der ganzen Sache ist nicht die Selbstverschuldung. Man kann in die Kirche gehen, beichten. Vor sich selbst geradestehen und besser handeln wollen. Sich fragen, wie sich nicht selbst opfern in einer Welt, in der man systematisch immer unterdrückt wird. Schwer, wenn man sich hinstellt und wieder runtergedrückt wird. Keine Sache der bloßen eigenen Taten, sondern kollektive Strategie, die uns psychologisch fehlt, weil wir kalt erzogen werden.
Das schlimme bei der ganzen Sache ist der Schmerz, den wir fühlen, wenn wir morgens aufwachen. Die Emotionen sind schlimm, die wir fühlen in Momenten in denen wir eigentlich lieben sollten. Die Gedanken, die wir in Alkohol ertränken, kurz, das verwundete Herz, das immer noch schwach schlägt und Arbeit auf das Hirn überträgt, welches es selbst nicht mehr ohne Hilfe verrichten kann. Weil es weh tut zu leben, manchmal, es rational aber keine Gründe zu leben gibt, außer zu lieben.
5. September 2020

I’ll publish an english version of this text, translated by my friend Christian, soon.